Schmökerseite
Für die, die mehr als den Klappentext wollen
Wie alles begann
Das Buch, das ich selbst lesen wollte
Ich war vielleicht dreizehn oder vierzehn, als ich zum ersten Mal Der Hobbit las. Ich konnte damals noch nicht benennen, was genau dieses Buch mit mir machte. Ich wusste nur: Es hatte mich vollkommen verzaubert. Fast sofort wurde es zu meinem Lieblingsbuch.
Mit Der Herr der Ringe ging es mir später genauso.
Heute kann ich besser sagen, was mich damals so gepackt hat. Es waren natürlich die Geschichten und die Charaktere, aber ebenso die Weite der Landschaften, die unterschiedlichen Völker und die Art, wie sie aufeinandertreffen und sich zusammenfinden. Vor allem aber war da diese Welt, die bis in ihre Einzelheiten stimmig wirkte.
Nichts schien nur deshalb da zu sein, weil es gerade für die Handlung gebraucht wurde. Hinter der Geschichte lagen weitere Geschichten, Mythen und Überlieferungen. Es gab Anhänge, Sprachen und vergangene Zeitalter. All diese Dinge standen nicht einfach nebeneinander, sondern waren miteinander verzahnt.
Man spürte, dass diese Welt als Ganzes gedacht war.
Genau dieses Gefühl habe ich später in vielen Fantasyromanen vermisst. Und irgendwann entstand daraus ein ziemlich einfacher Wunsch: Ich wollte das Buch schreiben, das ich selbst gern lesen würde.
Eigentlich waren die Walküren schuld
Warum auch immer, diese Reiterinnen waren die Ersten, die in meine Gedanken und schließlich in meinen Kosmos hineinritten.
Ich habe in Heidelberg Germanistik, Anglistik und Romanistik studiert. Mein Germanistikstudium hatte einen Schwerpunkt auf Mediävistik und älterer Literatur. Ich beschäftigte mich also mit vielen alten Texten, unter anderem mit der Edda, und las das Nibelungenlied im Original. Dabei begegneten mir natürlich auch die Walküren.
bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sôse gelîmida sîn.Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob sie geleimt seien.
Die Walküren der nordischen Überlieferung greifen als Wählerinnen der Gefallenen in das Schicksal auf dem Schlachtfeld ein. Sie entscheiden mit darüber, wer lebt und wer stirbt, können einzelne Krieger schützen und begleiten die von ihnen Erwählten nach Walhall. Dieses Bild verband ich mit anderen germanischen Vorstellungen, beispielsweise mit den Idisen der Merseburger Zaubersprüche und den dort auftauchenden Motiven von Schutz, Befreiung und Heilung. Das letzte I-Tüpfelchen war Brünhild aus dem Nibelungenlied, diese beinahe übermenschlich starke und kaum bezwingbare Frau.
Aus diesen verschiedenen Vorstellungen entstand mein eigenes Walkürenvolk. Ich hatte ziemlich schnell ein Bild davon, wie diese Frauen leben, wie ihre Gesellschaft funktioniert und wie sie auf die Welt um sie herum blicken. Damals wollte ich ganz bewusst mit starken weiblichen Figuren beginnen. Also begann ich mit der Outline der Grawyngard-Saga, die von Anfang an eine Frau als Protagonistin hatte.
Dann stellte sich die nächste Frage: Was könnte der zentrale Konflikt der Geschichte sein?
Welcher Konflikt das ist, verrate ich hier noch nicht. Aus ihm heraus entstand zunächst die Welt, in der die Geschichte spielen sollte. Doch je länger ich daran arbeitete, desto größer wurde der Zusammenhang. Aus einer Welt wurden sieben.
Dabei spielte Yggdrasil eine Rolle. In der nordischen Mythologie verbindet der Weltenbaum verschiedene Bereiche des Kosmos miteinander. Seine Wurzeln reichen zu unterschiedlichen Orten und Brunnen, zahlreiche Wesen sind mit ihm verbunden. Auch meine sieben Welten entstanden aus dieser Vorstellung heraus. Ihre Namen beziehen sich auf Orte, Wesen oder Motive rund um Yggdrasil. Mymengard etwa geht auf Mímirs Brunnen zurück.
Wer jetzt einwendet, dass in Mymengard auffällig wenige Walküren herumlaufen und obendrein der Protagonist ein Mann ist, hat vollkommen recht.
Denn dann kam mir ein anderer Plan dazwischen.
Die kleine Geschichte davor
Bei einem Fantastik-Symposium in Wetzlar sprach ich mit Thomas Le Blanc, dem Leiter der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Er veröffentlichte damals eine Kurzgeschichte von mir. Sein Rat für mein ungeheures Projekt war ungefähr: Schreib erst einmal etwas Kleines.
Gut, dachte ich. Dann schreibe ich eben erst einmal etwas Kleines. Dieses kleine Projekt sollte in einer anderen der sieben Welten spielen und zeitlich vor Grawyngard liegen. Ich nahm mir Mymengard vor.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits ein oder zwei Jahre an der Outline von Grawyngard gearbeitet. Für mich war diese Geschichte längst existent. Die Leser kannten sie natürlich noch nicht, aber in meinem Kopf war sie da. Und nachdem ich so lange eine Geschichte mit einem Volk starker Frauen und einer weiblichen Hauptfigur geplant hatte, dachte ich: Dieses Mal darf zur Abwechslung ein Mann die Hauptrolle übernehmen.
So kam Lukill ins Spiel. Die Frauen mussten noch ein wenig warten.
Ganz verschwunden sind die Walküren aus Mymengard allerdings nicht. Moruel und ihr Zwillingsbruder Atharh aus Niolond stammen von ihnen ab. Auch die außergewöhnliche Heilkunst der Menschen von Niolond und dieser eigentümliche Gegensatz eines Volkes, das gefürchtet wird und zugleich für seine Heilkunst bekannt ist, haben hier einen ihrer Ursprünge.
Mymengard sollte trotzdem nur die kleine Geschichte vor der großen Geschichte werden.
Nur Mymengard hielt sich nicht daran.
Und dann weigerte sich Mymengard, klein zu bleiben
Die Erschaffung der sieben Welten war in meiner Vorstellung ein gewaltiger magischer Kraftakt. Den Druiden gelang es, neue Welten zu schaffen und von der Alten Welt zu trennen, doch nicht ohne Folgen: Auf jeder entstand eine eigene Instabilität.
Zwei davon faszinierten mich besonders. Mymengard wurde vom Wasser verschlungen, auf Urdyngard bebt die Erde so stark, dass ein Leben auf dem Boden kaum möglich ist.
Gerade solche lebensfeindlichen Welten reizten mich. Bei Mymengard kam hinzu, dass ich vieles von dem einfließen lassen konnte, was mich selbst am Tauchen und an der Welt unter Wasser immer fasziniert hatte.
Am Anfang stand eigentlich nur eine Frage: Wie könnte eine Gesellschaft überleben, wenn ihr fast kein Land zur Verfügung steht?
Aus dieser einen Frage wurden ziemlich schnell sehr viele. Wo wohnt man, wenn es kaum festen Boden gibt? Woraus baut man Häuser? Wie kleidet man sich? Was kann man essen? Woher bekommt man Vitamine? Wie macht man Feuer? Wie stellt man Alkohol her? Welche Rohstoffe liefert das Meer? Was gilt in einer solchen Welt überhaupt als wertvoll? Wie reist man, wie navigiert man, wie steuert man Schiffe? Und woran glaubt eine Gesellschaft, deren gesamtes Leben vom Meer bestimmt wird?
Also begann ich zu recherchieren. Ich las Seefahrerlegenden, arbeitete mich durch Bootsvokabular und alte Schiffstechniken, beschäftigte mich mit Rohstoffen aus dem Meer, Ernährung, Navigation, Wikingertechniken und allem, was sich aus diesen Fragen noch ergab.
Je mehr Antworten ich fand, desto mehr neue Fragen tauchten auf.
Dabei hatte ich für Mymengard ursprünglich eine relativ einfache Geschichte geplant. Eine Bedrohung, einen Gegenspieler, eine Quest. Auch die Figuren sollten zunächst etwas klarer gezeichnet sein als in Grawyngard, wo ich mich bei der Planung stärker von komplexen Geschichten wie Game of Thrones hatte beeinflussen lassen. Mymengard sollte in dieser Hinsicht eher etwas von der Klarheit des Hobbit haben.
Das hielt ungefähr so lange, bis ich anfing, die Mythen dieser Welt zu schreiben.
Ich beginne beim Weltenbau oft mit Geschichten, Legenden und alten Überlieferungen und überlege erst danach, wo sie in der eigentlichen Handlung auftauchen könnten. Ein Mythos lässt sich plötzlich hervorragend mit einem Ereignis verbinden. Eine Nebenfigur könnte viel wichtiger werden, wenn sie ein bestimmtes Geheimnis trägt. Dieses Geheimnis erklärt wiederum etwas, das an einer völlig anderen Stelle geschieht. Und wenn diese Verbindung funktioniert, fällt mir meistens noch eine ein.
Und noch eine.
So wurde zum Beispiel aus der Nebenfigur Gialfar irgendwann eine der zentralen Figuren der Geschichte. Ein Mythos, der ursprünglich nur der Welt mehr Tiefe geben sollte, erwies sich plötzlich als ideal für das Finale. Figuren bekamen Geheimnisse, die ich ihnen am Anfang gar nicht zugedacht hatte, und Handlungsstränge, die zunächst unabhängig voneinander entstanden waren, begannen ineinanderzugreifen.
Irgendwann merkte ich, dass ich längst keine kleine, einfache Vorgeschichte mehr schrieb. Unter der Oberfläche war ein Geflecht entstanden, in dem Mythen auf spätere Ereignisse vorausweisen, Figuren sehr viel mehr wissen, als sie zunächst verraten, und Dinge, die weit voneinander entfernt beginnen, am Ende zusammenlaufen.
Das war nicht der Plan.
Aber es war sehr viel besser als der Plan. Und aus dem kleinen Buch vor Grawyngard wurden schließlich fünf Bände. So viel zum Thema: Schreib erst einmal etwas Kleines.
BildnachweisVöluspá aus der Edda-Ausgabe von Arvid August Afzelius, 1818, gemeinfrei. Walküre von Émile Bayard, gemeinfrei. Yggdrasil aus der Handschrift AM 738 4to, Foto: Cornischong, Lizenz CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons.