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Recherche

Von der Edda, Wikingerschiffen und Odins Raben

Als ich anfing, Mymengard zu schreiben, habe ich gefühlt halbe Bibliotheken leergeräumt. Germanen, Kelten, Wikinger, Runen, Sagen, Aberglaube. Alles, was irgendwie interessant klang, wurde gelesen, recherchiert oder gleich als Buch angeschafft. Ein Teil davon steht bis heute in meinen Regalen.

Besonders intensiv habe ich mich natürlich mit der nordischen Mythologie beschäftigt. Die Edda, die alten Götter- und Heldensagen, die Walküren, die Nornen und Yggdrasil, der Weltenbaum. Mich interessierten nicht nur die einzelnen Geschichten, sondern auch die Vorstellungen, die dahintersteckten. Wie dachten sich die Menschen den Aufbau ihrer Welt? Was glaubten sie über das Leben, den Tod und das Schicksal? Und welche Bedeutung hatten dabei Runen, Rituale und überlieferte Bräuche?

Bücher über Kelten, Wikinger, nordische Sagen und das Meer auf einem Holzboden, darunter die Edda und ein aufgeschlagenes Buch mit roten RandnotizenAus meinem Regal

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Lieder-Edda und die Snorra-Edda, zwei der bedeutendsten Quellen zur nordischen Mythologie. Die alten Texte bieten schließlich weit mehr als Geschichten über Odin, Thor und Loki. Sie erzählen von der Entstehung und dem Untergang der Welt, von Schicksal und Weissagungen und von Wesen, deren Bedeutung sich heute nicht immer eindeutig entschlüsseln lässt.

Und genau das fand ich faszinierend. Aus dieser Beschäftigung mit der Mythologie entstand nach und nach etwas Eigenes, das sich zwar auf alte Vorstellungen stützt, aber ganz andere Wege geht.

Aber Bücher allein waren mir nicht genug. Ich wollte auch sehen, wie die Menschen gelebt hatten. Also habe ich Freilichtmuseen besucht, historische Siedlungen erkundet und mich auf die Spuren der Wikinger begeben. Im Wikinger Museum Haithabu, in Dänemark und überall dort, wo sich eine Gelegenheit bot.

Im Wikingerschiffsmuseum von Roskilde bin ich sogar mit einem nachgebauten Wikingerschiff gefahren und habe selbst am Steuer gesessen. Im Wikingermuseum Ladby hat man das Schiffsgrab mit seinen Pferden und Hunden extra für mich länger offengehalten, weil ich mich kaum davon losreißen konnte.

Besonders eindrucksvoll war allerdings Lindholm Høje, das riesige Gräberfeld in Nordjütland.

Die Autorin im Winter zwischen den schiffsförmigen Steinsetzungen von Lindholm Høje, dahinter kahle BäumeLindholm Høje, Nordjütland

Es war bitterkalt. Rings um das Gräberfeld stehen Bäume, in denen sich unzählige Krähen versammelt hatten. Und die krächzten unaufhörlich. Überall dieses Geschrei, dazu die eisige Kälte und die uralten, schiffsförmigen Steinsetzungen. Es hätte mich kaum gewundert, wenn jeden Moment Odins Raben über dem Hügel aufgetaucht wären.

Eine unglaubliche Atmosphäre. Und eine, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Solche Eindrücke bleiben. Und irgendwann tauchen sie wieder auf, wenn man schreibt. Manchmal als konkrete Idee, manchmal nur als Stimmung, die man viele Jahre später plötzlich wieder vor Augen und vor allem im Ohr hat.

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Vom Seemannsgarn und den Geräuschen der Tiefe

Wer eine Geschichte schreibt, die zu großen Teilen auf und unter dem Meer spielt, kommt um die Seefahrt schlecht herum. Und um das Seemannsgarn schon gar nicht.

Ich habe viel über Schiffe, Seefahrt und die Sprache der Seeleute recherchiert. Aber einige der besten Geschichten findet man in keinem Buch. Die bekommt man erzählt, wenn man mehrere Tage auf einem Schiff verbringt.

Auf meinen Tauchreisen habe ich viele Menschen kennengelernt, die eng mit der Seefahrt verbunden waren. Und natürlich wurde erzählt. Von seltsamen Bräuchen, alten Überlieferungen und Dingen, bei denen man sich fragt, ob das jetzt wirklich ernst gemeint ist.

Erinnert ihr euch an die Szene, in der einem Seekranken ein fettiger Fisch in den Mund gesteckt wird?

Klingt ziemlich absurd, oder? Aber genau diese Geschichte wurde mir auf einer meiner Tauchfahrten erzählt. Angeblich handelt es sich dabei um einen alten Seemannsbrauch gegen Seekrankheit. Ob er hilft, sei dahingestellt. Jedenfalls fand ich die Vorstellung so herrlich schräg, dass ich sie unbedingt in Mymengard einbauen musste.

Und das ist nur eine von vielen Geschichten, die ich auf meinen Tauchreisen aufgeschnappt habe.

Mönche feiern auf dem Rücken eines riesigen Wals die Messe, den sie für eine Insel halten, daneben ihr Schiff

Dazu kamen die klassischen Seemannslegenden. Fahrende Inseln beispielsweise. Was für eine herrliche Vorstellung! Dass man irgendwo an Land geht und plötzlich feststellen muss, dass mit dieser Insel etwas ganz und gar nicht stimmt.

Und dann waren da natürlich meine eigenen Erfahrungen.

Die Autorin als Taucherin im tiefblauen Wasser, über ihr steigen Luftblasen aufTauchen in Ägypten

Ich bin in Höhlen und Wracks getaucht und habe viele Stunden unter Wasser verbracht. Besonders eingeprägt hat sich mir immer wieder dieser eine Moment: Man springt ins Meer, taucht ab und plötzlich verändert sich die gesamte Geräuschkulisse.

Dieses Gurgeln, das Blubbern, die seltsam gedämpften Geräusche des Wassers. Es klingt alles anders. Als würde man mit dem Abtauchen auch die Welt wechseln.

Wenn ich über Lukill schrieb, hatte ich oft genau diese Geräusche im Kopf. Dieses seltsame Gefühl, wenn die Welt über der Wasseroberfläche zurückbleibt und man in eine ganz andere eintaucht.

Vieles davon findet sich in Mymengard wieder. Manches ziemlich unmittelbar, anderes so verändert, dass vermutlich nur ich noch weiß, woher die ursprüngliche Idee stammt.

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Von gestohlenen Schatten, schwimmenden Gärten und blauem Eis

Nicht alles, was mich zu Mymengard inspiriert hat, stammt aus dem Norden. Bei Weitem nicht.

Überhaupt kommen mir manche Ideen aus den merkwürdigsten Richtungen entgegen. Manchmal reicht schon eine Geschichte, die mir jemand ganz nebenbei erzählt.

So berichtete mir einmal ein Kollege aus Norddeutschland von einem alten Aberglauben. Man könne einem Menschen seinen Schatten stehlen. Und beim Essen müsse man sogar darauf achten, dass man seinen Schatten noch habe.

Ein Mann im grauen Rock kniet am Boden und rollt den Schatten eines anderen Mannes auf, Illustration zu Peter Schlemihl

Das fand ich natürlich ausgesprochen interessant. Schließlich kannte ich Chamissos Geschichte von Peter Schlemihl, der seinen Schatten verkauft. Dass mir nun jemand von einem solchen Volksglauben erzählte, war für mich eine wunderbare Entdeckung.

Solche Geschichten liebe ich. Sie zeigen, wie viele seltsame Vorstellungen, Ängste und Überlieferungen in unserem Alltag verborgen liegen.

Aber auch ganz andere Orte haben ihre Spuren in Mymengard hinterlassen.

Am Inle-See in Myanmar gibt es schwimmende Gärten und ganze Siedlungen auf dem Wasser. Diese ungewöhnliche Art, mit dem Wasser zu leben, hat mich ebenso beschäftigt wie die alten Wikingerschiffe. Die Welt bietet schließlich weit mehr als nordische Mythologie.

Und dann sind da die Berge.

Die Autorin klettert am Seil eine steile Gletscherwand hinauf und schaut nach obenIm Gletschereis an der Wildspitze, Ötztaler Alpen

Bei Hochtouren in den Alpen habe ich auch Spaltenbergung geübt. Ich erinnere mich besonders an eine Gletscherspalte, in der ich im blauen Eis hing. Um mich herum dieses unwirkliche Licht. Und überall tropfte es.

Ein unglaublicher Ort, den ich bis heute vor Augen habe.

Als ich später in Mymengard das Meer zu gewaltigen Eiszacken werden ließ, war diese Erinnerung wieder da. Das Blau des Eises, die Kälte, das Tropfen in der Gletscherspalte.

Ich glaube, so funktioniert vieles beim Schreiben. Man sammelt über Jahre Eindrücke, ohne zu ahnen, was man irgendwann damit anfangen wird. Und plötzlich findet ein Erlebnis vom anderen Ende der Welt seinen Platz in einer Fantasiewelt.

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Von Garnelenplastik, Fischleder und der Vitamin-C-Frage

Wer eine Welt erschafft, in der das Meer eine so große Rolle spielt wie in Mymengard, steht irgendwann vor ziemlich handfesten Problemen.

Woraus stellen die Menschen ihre Kleidung her? Welche Rohstoffe stehen ihnen zur Verfügung? Wie fertigen sie Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände oder Schreibgeräte? Und vor allem: Was essen sie eigentlich, damit sie gesund bleiben?

Mit solchen Fragen habe ich mich manchmal tagelang beschäftigt.

Ich habe recherchiert, welche Rohstoffe das Meer überhaupt hergibt und was man daraus machen kann. Muschelkalk, Kobalt, Algen, Quallen, Tintenfische. Was ließe sich daraus gewinnen, verarbeiten oder herstellen?

Manchmal kam der Anstoß ganz zufällig. Zum Beispiel durch einen Zeitungsartikel, in dem ich las, dass man aus Garnelenpanzern tatsächlich eine Art Kunststoff herstellen kann. Der Schlüssel dazu ist Chitin, aus dem sich Chitosan gewinnen lässt. Daraus entstehen biologisch abbaubare Kunststoffe. Forscher der Harvard University haben aus Garnelenschalen sogar einen solchen Biokunststoff entwickelt.

Das fand ich so faszinierend, dass ich gleich weiterrecherchieren musste.

Grünalgen in vielen Formen, Tafel von Ernst Haeckel

Besonders schwierig war allerdings die Vitamin-C-Frage. Wie versorgt man eine ganze Bevölkerung mit ausreichend Vitaminen, wenn die üblichen Obst- und Gemüsesorten nicht zur Verfügung stehen?

Tatsächlich gibt es Meeresalgen, die erstaunlich viel Vitamin C enthalten, darunter bestimmte Grünalgen der Gattung Ulva. Eine wissenschaftliche Untersuchung von 92 Meeresalgenarten zeigte allerdings, dass die durchschnittlichen Mengen für eine verlässliche Versorgung eher gering sind. Deshalb habe ich die Menschen in Mymengard über Jahrhunderte besonders Vitamin-C-reiche Algen züchten lassen. Schließlich muss man als Autorin gelegentlich der Natur ein wenig auf die Sprünge helfen.

Richtig lustig wurde es allerdings bei einigen Materialien.

Ich hatte mir Meerseide, Kleidung aus Algen und Leder aus Fischhaut für Mymengard vorgestellt. Und bei meinen Nachforschungen stellte ich fest, dass es solche Dinge tatsächlich gibt!

Die Edle Steckmuschel mit ihrem Büschel feiner Haftfäden

Meerseide ist ein äußerst seltenes historisches Gewebe aus den Haftfäden der Edlen Steckmuschel. Fischhaut lässt sich gerben und zu Leder verarbeiten, aus dem beispielsweise Taschen, Schuhe und andere Gebrauchsgegenstände hergestellt werden. Und es gibt sogar Textilfasern mit eingearbeiteten Meeresalgen.

Manchmal ist die Wirklichkeit offenbar genauso fantasievoll wie eine Fantasyautorin.

Und so führte mich die Recherche für Mymengard über Chemie und Materialkunde bis mitten hinein in die Ernährungswissenschaft. Alles nur, weil ich wissen wollte, wie die Menschen in meiner Welt eigentlich leben können.

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Von Monsterwellen und Seen auf dem Meeresgrund

Auch mit den Naturphänomenen der Meere habe ich mich ausgiebig beschäftigt. Ich habe Bücher gelesen, Reportagen gesehen und Dokumentarfilme angeschaut. Und dabei immer wieder Dinge entdeckt, die man eigentlich für Seemannsgarn halten könnte.

Monsterwellen zum Beispiel. Jahrhundertelang erzählten Seeleute von gewaltigen Wasserwänden, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten. Lange hielt man diese Geschichten für maßlose Übertreibungen. Bis am 1. Januar 1995 an der norwegischen Draupner-Plattform tatsächlich eine 25,6 Meter hohe Welle gemessen wurde. Eine Monsterwelle, schwarz auf weiß dokumentiert. Wer sich dafür interessiert, kann die wissenschaftliche Untersuchung der Draupner-Welle nachlesen.

Oder Schwarze Raucher. Das sind hydrothermale Quellen am Meeresgrund, aus denen über 340 Grad Celsius heißes Wasser strömen kann. Was wie schwarzer Rauch aussieht, besteht aus winzigen Mineralpartikeln, die entstehen, wenn das heiße, mineralreiche Wasser auf das kalte Meerwasser trifft. Und trotz dieser extremen Bedingungen existieren dort ganze Lebensgemeinschaften.

Auch Schwarzer Frost hat mich beschäftigt. Eine gefährliche Form der Schiffsvereisung, bei der sich so viel Eis an den Aufbauten sammeln kann, dass ein Schiff instabil wird und sogar kentert.

Besonders faszinierend fand ich allerdings die Entdeckung, dass es in der Tiefsee tatsächlich Seen gibt.

Ja, Seen unter Wasser!

Röhrenwürmer am Ufer eines Salzsees in der Tiefsee des Golfs von Mexiko

Im Golf von Mexiko wurden auf dem Meeresgrund riesige Ansammlungen extrem salzhaltigen Wassers entdeckt. Diese Salzlauge ist dichter als das umgebende Meerwasser, sinkt deshalb nach unten und sammelt sich in Vertiefungen. Es entstehen regelrechte Unterwasserseen mit einer erkennbaren Grenze zum umgebenden Wasser.

Bei einer Forschungsexpedition im Jahr 2014 wurde in 1.260 Metern Tiefe sogar ein solcher See mit kleinen Inseln entdeckt. Die amerikanische Meeresforschungsbehörde NOAA hat beeindruckende Aufnahmen davon veröffentlicht.

Wie verrückt ist das denn?

Die Autorin beim Höhlentauchen in einer Cenote, im Hintergrund Lichtstrahlen und andere Taucher als SchattenCenote Dos Ojos, Yucatán

Ein verwandtes Phänomen habe ich beim Höhlentauchen auf Yucatán in Mexiko selbst erlebt.

Dort gibt es Höhlensysteme, in denen Süßwasser auf dichteres Salzwasser trifft. Zwischen den beiden Wasserschichten bildet sich eine sogenannte Halokline. Durch die unterschiedliche Lichtbrechung erscheint diese Grenzschicht wie eine flimmernde, teilweise verschwommene Wasseroberfläche.

Ich weiß noch genau, wie seltsam das war. Unter mir sah es aus, als würde ich auf einen Wasserspiegel hinabblicken. Ich griff immer wieder mit der Hand nach oben, um mich zu vergewissern, dass ich tatsächlich noch unter Wasser war. Und natürlich war ich das. Aber meine Augen erzählten mir etwas völlig anderes.

Solche Erlebnisse vergisst man nicht.

Die Unterwasserseen haben schließlich auch ihren Weg nach Mymengard gefunden. In Band 4 konnte ich diese erstaunliche Besonderheit der realen Meere für meine eigene Welt verwenden.

Manchmal muss man für eine Fantasywelt wirklich nicht viel erfinden. Man muss nur genau hinschauen, was es auf unserer Erde alles gibt.

Zu Band 4: »Irrende Insel« →

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BildnachweisDer heilige Brendan auf dem Rücken eines Wals, Kupferstich, 1621, Library of Congress, gemeinfrei. George Cruikshank, Illustration zu Adelbert von Chamissos »Peter Schlemihl«, 1824, gemeinfrei. Siphoneae aus Ernst Haeckel, »Kunstformen der Natur«, 1899–1904, gemeinfrei. Edle Steckmuschel mit ihren Haftfäden, Stich von Charles Bevalet aus Louis Figuier, »The Ocean World«, 1868, gemeinfrei. Röhrenwürmer am Ufer eines Salzsees im Golf von Mexiko, April 2014, Foto: NOAA Okeanos Explorer, gemeinfrei. Alle übrigen Fotos: S.C.M. Samys.

Die Mymengard-Rune