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Für die, die mehr als den Klappentext wollen

Sprachkonzept

Warum überhaupt dieses Sprachkonzept?

Die magischen Welten entstanden um 400 nach Christus. Und dieser Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt.

Die Menschen, die diese Welten gründeten und aus der Alten Welt in die neuen Welten wechselten, stammten aus germanischen und keltischen Kulturen. Einige ihrer Gebiete waren bereits seit langer Zeit von den Römern erobert und romanisiert worden, andere widersetzten sich der römischen Herrschaft noch immer.

Christusmonogramm Chi-Rho in einem Kranz auf einem Altarstein aus dem 4. Jahrhundert

Im 4. Jahrhundert kam ein entscheidender Wandel hinzu. Das Römische Reich wurde christlich. 313 wurde das Christentum offiziell zugelassen, 380 wurde es zur Reichsreligion. Gegen Ende des Jahrhunderts gerieten die alten heidnischen Kulte zunehmend unter Druck und wurden teilweise verboten. Auch Wahrsagerei und magische Praktiken wurden immer stärker bekämpft.

Ein Teil der Menschen wollte seine alten Religionen, seine Bräuche, seine Magie und seine kulturelle Eigenständigkeit bewahren. Durch die Gründung der magischen Welten wurde eine Möglichkeit geschaffen, die Alte Welt zu verlassen und sich dieser Entwicklung zu entziehen.

Diese Trennung bildet die Grundlage meines Sprachkonzepts.

Der Kylver-Stein von Gotland mit der ältesten vollständigen Runenreihe

Natürlich waren bis dahin bereits lateinische und griechische Wörter in die germanischen und keltischen Sprachen gelangt. Fremd- und Lehnwörter gab es auch damals schon. Für viele andere Begriffe hatte es zu diesem Zeitpunkt aber noch gar keinen Anlass zur Übernahme gegeben.

Vor allem endete der intensive sprachliche und kulturelle Kontakt mit der römischen und später der romanischen Welt für die Menschen in den magischen Welten sehr viel früher als für uns. Es fehlten ihnen viele Jahrhunderte, in denen lateinische, griechische und romanische Wörter in unsere Sprache einwanderten und irgendwann so selbstverständlich wurden, dass wir ihre Herkunft kaum noch wahrnehmen. Hinzu kommt, dass diese Menschen die Alte Welt gerade deshalb verlassen hatten, weil sie ihre eigene Kultur, ihre Religion und ihre Bräuche bewahren wollten.

Daraus entstand für mich die Idee, auch sprachlich möglichst auf Wörter lateinischen, griechischen und später romanischen Ursprungs zu verzichten. Ein Nebeneffekt davon ist, dass die Sprache stellenweise etwas altertümlicher wirkt. Genau das gefällt mir inzwischen sehr. Sprache wirkt schließlich nicht nur über das, was wir bewusst wahrnehmen. Ein Leser muss nicht wissen, warum ein bestimmtes Wort dort steht oder welche Herkunft es hat. Aber all diese kleinen Entscheidungen verändern den Klang der Sprache.

Und im besten Fall entsteht dadurch ganz unbewusst das Gefühl, dass diese Welt auch sprachlich in sich stimmig ist und alles aus einem Guss wirkt.

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Sprachkonzept ja, sprachliche Verrenkungen nein

Eine Regel stand von Anfang an über allen anderen: Der Roman muss gut lesbar bleiben.

Ich wollte niemals ein sprachhistorisches Experiment schreiben, bei dem der Leser erst herausfinden muss, was ein Satz bedeutet. Das Sprachkonzept darf die Welt vertiefen, aber es darf dem Lesen nicht im Weg stehen.

Deshalb sind viele Wörter ganz bewusst geblieben, obwohl mir ihre Herkunft bekannt war. Fenster, Mauer, Küche, Pflanze, Insel, Küste oder Anker gehören dazu. Wenn ein Ersatz gekünstelt klingt oder mehr Erklärung braucht als das ursprüngliche Wort, ist damit nichts gewonnen.

Bei anderen Begriffen ergab sich dagegen eine sehr natürliche Lösung. Aus einer Straße konnte problemlos ein Weg werden. Das passte in Mymengard sogar besser, denn in einer Welt aus Wasser, Flößen und Inseln spielen Wege eine weit größere Rolle als Straßen. Aus dem Plan wurde das Vorhaben, aus dem Monster häufig das Ungeheuer, aus der Form die Gestalt.

Aber dass eine Ersetzung an einer Stelle funktioniert, bedeutet nicht, dass sie überall funktioniert.

Eine Monsterwelle ist ein fester maritimer Begriff. Daraus mache ich keine Ungeheuerwelle. Und eine Gussform bleibt eine Gussform, auch wenn ich Form an anderen Stellen durch Gestalt ersetzt habe. Ähnlich war es bei Refrain oder Strophe. Für manches gibt es ältere oder germanischere Wörter. Ein Refrain kann ein Kehrreim sein. Aber nicht jede mögliche Ersetzung ist für heutige Leser gleichermaßen selbstverständlich. Beim Theater war für mich deshalb irgendwann Schluss. Natürlich gibt es Schauspiel, Lustspiel, Schauspielhaus, Darsteller oder Gaukler. Aber bevor aus einem Theaterfloß ein Schauspielhausfloß oder eine ähnlich bemühte Konstruktion wird, bleibt es ein Theaterfloß.

Das Sprachkonzept soll sich natürlich in den Text einfügen und nicht bei jedem zweiten Satz bemerkbar machen. Deshalb habe ich mich im Zweifelsfall immer zugunsten der Lesbarkeit entschieden. Das gilt auch für meinen gesamten Weltenbau. Wer sich für Etymologie, Sprachgeschichte, Recherche und den ganzen theoretischen Krimskrams interessiert, darf sehr gerne tief darin graben.

Wer darauf keine Lust hat, soll Mymengard völlig losgelöst von all diesen Konzepten einfach als Fantasyroman und Abenteuergeschichte lesen und genießen können. Weltenbau ist für mich immer ein Plus. Der Leser soll dafür keine Arbeit leisten müssen.

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Lage um Lage

Am Anfang dachte ich noch, ich hätte die Fremdwörter ziemlich gut im Griff.

Dann habe ich den Text noch einmal durchgesehen und festgestellt, dass immer noch erstaunlich viele darin steckten. Erst fielen mir die offensichtlichen auf, danach die Wörter, die so selbstverständlich deutsch wirken, dass man über ihre Herkunft normalerweise überhaupt nicht nachdenkt.

Also habe ich weitergesucht.

Irgendwann fühlte es sich tatsächlich an, als würde ich Lage um Lage abtragen.

Teilweise habe ich ganze Durchgänge nur nach einem bestimmten Wort gemacht. Ich weiß noch, dass ich einmal nur nach Delikatessen gesucht und sie durch Köstlichkeiten ersetzt habe. Andere Wörter waren wesentlich hartnäckiger.

Eines davon war ausgerechnet konzentrieren.

Panzergeißler, winzige Einzeller des Meeres, gezeichnet von Ernst Haeckel

Lukill muss sich immer wieder konzentrieren, wenn er die Verbindung mit seiner Lomar aufnimmt. Die Lomar ist ein magisches, halb organisches Unterwassergefährt. Wenn er sie berührt und die Verbindung herstellt, wird er gewissermaßen zu ihrem Gehirn und ihren Gedanken. Sie bewegt sich durch ihn. Ausgerechnet dafür brauchte ich also ständig ein Wort, das ich möglichst vermeiden wollte.

Also musste ich variieren und umschreiben. Lukill sammelt sich, richtet seine Gedanken aus oder der ganze Vorgang wird anders beschrieben.

Auch Plankton war so ein Kandidat. Phosphoreszenz und Biolumineszenz erst recht. Deshalb finden sich in Mymengard stattdessen Formulierungen wie »im Dunkeln nachleuchtende Kleinstlebewesen«.

Und dann gab es Wörter, bei denen ich mich selbst erst an die Alternative gewöhnen musste. Körper wurde beispielsweise zum Leib. Anfangs kam mir das deutlich altertümlicher vor. Inzwischen ist Leib für mich innerhalb dieser Welt völlig selbstverständlich.

Es gab allerdings auch Begriffe, für die ich trotz aller Suche keine wirklich befriedigende Lösung fand. Dann blieb am Ende nur der Kompromiss. Das Sprachkonzept sollte konsequent sein, aber niemals so konsequent, dass der Text darunter leidet.

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Mit ihm ist nicht gut Muscheln essen

Das Sprachkonzept endet nicht bei einzelnen Wörtern. Auch Redewendungen und Bilder verraten etwas darüber, in welcher Welt Menschen leben.

Eine Kultur, deren Alltag seit Jahrhunderten vom Meer geprägt wird, müsste auch anders sprechen als eine Kultur, deren Bilder von Feldern, Bergen, Wäldern und Landwegen stammen.

Brandung zwischen dunklen Felsen unter einer rötlichen Steilküste, von oben gesehen

Also habe ich bekannte Redewendungen dort verändert, wo es sich natürlich anbot.

Aus »mit ihm ist nicht gut Kirschen essen« wurde »mit ihm ist nicht gut Muscheln essen«.

Aus »über alle Berge« wurde »über alle Wellen«.

Ein alter Seemann ist in Mymengard kein Seebär, sondern ein alter Seekrake.

Und manchmal spuckt einem jemand nicht einfach in die Suppe, sondern in die Muschelsuppe.

Wichtig war mir auch hier, dass man die ursprüngliche Redewendung sofort versteht. Die Bedeutung bleibt dieselbe, nur das Bild gehört plötzlich zu dieser Welt.

Ein weiteres Beispiel ist das Talgnäpfchen. Für die Herkunft der Redewendung »ins Fettnäpfchen treten« gibt es unterschiedliche Erklärungen. Nach einer stand früher neben der Tür ein Näpfchen mit Fett zum Einfetten der Stiefel. Wer hineintrat oder es umstieß, verdarb den Fußboden und bekam Ärger mit der Hausfrau. In einem meiner damaligen Bücher über germanischen Aberglauben las ich eine andere Variante. Danach sollte Talg an der Schwelle das Haus vor Geistern schützen. Wer hineintrat, durchbrach diesen Schutz und brachte Unglück. In der historischen Schifffahrt wurde zum Fetten und Schmieren Talg verwendet, etwa an Masten oder an Schiffsrümpfen. Und deswegen wurde in der Mymengard-Saga aus Fett Talg.

Solche kleinen Veränderungen finden sich an vielen Stellen. Sie sollen sich nicht in den Vordergrund drängen, sondern ganz selbstverständlich dazu beitragen, dass Sprache und Welt zusammenpassen.

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Namen mit Bedeutung

Personen, Orte, Wesen und Gegenstände tragen in Mymengard keine beliebigen Fantasynamen.

Wenn ich einen neuen Namen brauchte, lag meistens das altnordische Wörterbuch neben mir. Ich suchte nach Begriffen, die zu einer Person, einem Ort oder einem von mir erdachten Gegenstand passten, kombinierte und kürzte sie und passte sie anschließend so an, dass daraus ein Name für Mymengard wurde.

Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt aus meinem damaligen Arbeitsmaterial.

Ausschnitt aus einem altnordischen Wörterbuch: Einträge rund um das Wort Meer, einige Wörter blau markiert

Ein Ausschnitt aus dem altnordischen Wörterbuch, mit dem viele Namen in Mymengard entstanden sind.Aus: Gerhard Köbler, Altnordisches Wörterbuch. Markierungen von mir.

Viele der Begriffe darauf erkennt man in Mymengard wieder. Aus Wörtern für Meer, Meerestiefe, Buchten, Meeresleuchten oder Meeresvögel entstanden später Namen für Orte, Menschen, Wesen und sogar Schiffe.

Die fertigen Namen stehen deshalb meist nicht genauso im Wörterbuch. Entscheidend war für mich immer zuerst ihre Bedeutung und erst danach ihr Klang.

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BildnachweisChristusmonogramm auf einem Altarstein, 4. Jahrhundert, Louvre, Foto: Jastrow, gemeinfrei. Kylver-Stein, Gotland, Foto aus Sigurd Agrell, »Runornas talmystik och dess antika förebild«, 1927, gemeinfrei. Peridinea aus Ernst Haeckel, »Kunstformen der Natur«, 1899–1904, gemeinfrei. Wörterbuchausschnitt aus Gerhard Köbler, Altnordisches Wörterbuch, Markierungen von S.C.M. Samys. Foto der Steilküste: Canva.

Die Mymengard-Rune